Glauben und Konzepte

Bist du gläubig? 

Ich sag dir, egal, ob du jetzt ja oder nein sagst, du bist gläubig. Und wie!

Wenn du „Nein“ gesagt hast, dann irrst du dich gewaltig. Du glaubst und glaubst und glaubst jeden Mist.

Wenn du „Ja“ sagst, weil du vielleicht irgendeiner Religion angehörst, oder in irgendeiner Art spirituell zu sein glaubst, dann ist das nur ein sehr, sehr kleiner Teil vom eigentlichen Glauben.

Klingt vielleicht abstrakt. Ich versuche, es klarer zu beschreiben.

Das Ding ist, dass wir nicht immer sagen: „ich glaube dies...“ und „ich glaube das...“ Sondern, wir sagen: „das ist meine Meinung“, „davon bin ich überzeugt“, „ich denke“, oder „ich weiß“. Ja, manchmal sagen wir auch „ich glaube“. Und meinen damit: „ich glaube zu wissen, das...“

Meinen, überzeugt sein, denken, annehmen und wissen sind nur andere Ausdrücke für glauben.

Wie im Beitrag über Wahrnehmungswahn schon angedeutet, gibt es so viele erlernte Filter, die uns davon abhalten das zu sehen, was wirklich ist. Diese Wahrnehmungsfilter entstehen, wenn wir bestimmte Konzepte glauben.

Boar.

Ich merke gerade beim Schreiben, dass ich zu sehr nach „Erklärbär“ klinge.
Ich will nichts erklären. Ich bin kein Guru.
Ich will hinterfragen.
Ich will das hinterfragen, was mir viele Gurus und Coaches und Therapeuten jahrelang und lang und breit und überzeugt erzählt haben. 

Hier in dem Artikel soll es um Glauben und um Konzepte gehen.

Warum will ich überhaupt über „glauben“ schreiben. Glauben nicht als Religion gemeint, sondern als Tätigkeit. Also, ich glaube dies... und ich glaube das...

Ich habe geglaubt, dass ich meine Berufung finden muss.
Ich hab den Autoren geglaubt, deren Ratgeber ich gekauft und gelesen und bearbeitet habe.
Ich hab meinen eigenen Gedanken geglaubt, die mir irgendwelchen Quatsch erzählt haben. Warum etwas schlecht ist und wie die Welt ist und wie die Zukunft wird.

Nur, was muss ich wirklich glauben, um jetzt einfach nur hier zu sein?
Brauche ich Glauben überhaupt?
Für was? 

Wenn ich so darüber nachdenke, dann ging es ja mit einem Glauben los. Ein Glaube, der mir geschadet hat. Und statt den ersten falschen Glauben zu hinterfragen, hab ich was anderes gesucht, was ich stattdessen glauben kann. Oder zusätzlich. Weil zuerst glaubte ich, dass ich meine Berufung finden muss, und dann hab ich geglaubt, dass ich suchen muss und Übungen machen muss und x-mal den Job und die Branche wechseln muss, um mich auszuprobieren. Nur am Konzept „Berufung“ hab ich nie gezweifelt. Ich hab höchstens irgendwann daran gezweifelt, dass ich meine Berufung jemals finden werde. Was wieder ein Glaube ist, der einfach nur Blödsinn ist und durch diesen Glauben habe ich so viel Zeit verschwendet. 

Im Grunde wusste ich genau, was ich will und wie ich leben will. Ich glaubte aber, dass ich das nicht leben kann. Und dann ging es für mich bergab. Scheinbar. Das fing schon in der 10. Klasse an, als ich vor der Entscheidung stand, ob ich eine Ausbildung mache oder mein Abitur. Die Suche nach einer passenden Ausbildung war von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nicht weil es zu wenig Stellen gegeben hätte. Sondern weil ich mir nicht erlaubt habe, das zu tun, was mich wirklich interessiert hat. 

Eine Flut von „klugen“ Ratschlägen und Sorgen über die Zukunft prasselte auf mich ein. Das soll jetzt keine Schuldzuweisung werden. Die Schuldfrage stelle ich überhaupt nicht, weil wir alle die gleiche Denkstörung haben und sie von Generation zu Generation weiter geben. Keine Ahnung wann und wo das angefangen hat, oder wie. Nur das Ausmaß der Störung unterscheidet sich. 

Ich wollte immer ein Leben, dass sich anfühlt, wie Sommerferien für immer. Lebe ich das bereits? Nein. Arbeite ich dran? Aber sicher. Darum wird es hier auf dem Blog auch gehen, was ist eigentlich alles möglich, wenn wir nicht mehr glauben, dass es unmöglich ist.

Heute bin ich mir fast sicher, hätte ich einfach das gemacht, was ich damals schon faszinierend fand, dann würde mein Leben heute anders aussehen. Ich hatte einfach Angst, dass das, was ich mag, später niemanden mehr interessiert und niemand braucht. Und heute sehe ich, wie riesig der Markt ist, der sich um Pflanzen und Tiere dreht. Auch Werbung und Marketing fand ich interessant, weil es auch kreativ war. Social Media gab es damals noch nicht. Und der Markt um Tierprodukte war überschaubar. Heute ist es fast in Mode sich einen Hund „aus dem Tierschutz“ zu holen. Und der Markt für gesunde pflanzliche Produkte ist ja förmlich explodiert. 

Im Grunde ging es damals eigentlich nur um die Frage, wem glaube ich. Und was glaube ich. Was glaube ich über meine Zukunft und was glaube ich über die Wahl meines Berufes.
Nur, Glauben ist nicht Wissen.

Ich meine, es ging hier um Zukunft. Und wie soll überhaupt irgendjemand wissen können, was in der Zukunft passiert? Ich jedenfalls habe kein Hellseher-Diplom vorzuweisen. Meine Eltern auch nicht, meine Freunde auch nicht.

Ich denke, wir verwechseln oft „wissen“ mit „glauben“. Und das bei vielen Sachen. Auch ganz alltäglichen Dingen. Wir hinterfragen das auch nicht. 

Wenn wir noch klein sind, lernen wir auf jeden Fall mal, den Eltern zu glauben. 

Dann kommen wir in die Schule und lernen den Lehrern zu glauben und lernen den Stoff, der uns da so vorgekaut wird, ohne ihn zu hinterfragen. Den reproduzieren wir dann und wenn wir das gut gemacht haben, gab es eine gute Note. Ich hab das immer Bulimie-Lernen genannt. Kurz vorher das Wissen ins Hirn stopfen und dann aufs Blatt kotzen und dann vergessen und wiederholen. Hängen geblieben ist dabei nichts. Es war aber insgesamt auch nicht wirklich viel Nützliches dabei. 

Unsere Freunde machen das Gleiche. Sie glauben auch etwas. Vielleicht das gleiche oder was anderes. Wir entscheiden, ob wir den Freunden glauben, oder den Medien oder Büchern. Den Ausbildern, der Familie und so weiter. Irgendwie ist da immer jemand oder auch eine Gruppe von Menschen, die mit irgendwelchen Theorien, Konzepten oder Philosophien um die Ecke kommen.

Freunde sind bei genauer Betrachtung auch irgendwie wie eine Sekte, oder. Glauben wir das Gleiche, sind wir Freunde. Glauben wir unterschiedliche Sachen, eher schwierig. 

Meine Freundin Franzi hat sich damals auch die Frage gestellt, an was sie glauben soll. Denn ihre Eltern waren religiös-gläubig und sie war der Hexenkunst zugetan. Irgendwann entschied sie, dass sie einfach nur an sich glaubt. Das fand ich damals cool, aber heute würde ich das nicht mehr unterschreiben. Dazu mache ich später mal noch einen Beitrag.

Was wir jedenfalls nicht lernen und was mir damals aber sehr geholfen hätte, ist das Hinterfragen. Klar stellt man mal so ein oder zwei Nachfragen zum Hintergrund oder warum etwas jetzt passiert. Aber wir denken Dinge nicht konsequent zu Ende. Und ja, ich kann das so allgemeingültig sagen, weil ich ja sehe, dass wir es nicht tun. Wenn wir es tun würden, dann wäre unsere Welt und unsere Gesellschaft eine völlig andere. Davon bin ich überzeugt.

Die meisten Aussagen werden uns als Wahrheit präsentiert. Nur, wie kann um Wahrheit gestritten werden? Hast du darüber mal nachgedacht? Wahrheit muss für alle wahr sein, sonst ist es keine Wahrheit. Sobald wir streiten, geht es nicht um Wahrheit. Statt zu streiten, sollten wir lieber das, was wir glauben, und glauben zu wissen, konsequent hinterfragen. Gemeinsam. Nur hat uns das niemand beigebracht. 

Vielleicht fragen wir ein oder zweimal „Warum“, aber dann hören wir an irgendeinem Punkt auf und begnügen uns mit irgendeiner dummen Theorie, mit irgendeinem halbgaren Konzept oder einer schicken Philosophie. Hauptsache sie klingt gut und scheint halbwegs logisch. Im Grunde beginnt man, diese Theorie zu glauben, nur weil sie sich schon irgendwie wahrscheinlich anhört. Und es reicht uns, dass es so sein könnte. Und es reicht uns, wenn wir uns damit irgendwie gut fühlen. Nur wenn wir das mal genauer anschauen würden, wie viel Wahrheit da drin steckt, da würden uns die Augen raus fallen.

Und ich kann das sagen, weil ich es erlebt habe. Ich habe so viel Blödsinn über meine Zukunft geglaubt, dass ich gar nicht erst angefangen habe, irgendwelche Schritte in meine gewünschte und erträumte Richtung zu unternehmen. Natürlich ist mir bewusst, dass ich jetzt nicht den gleichen Denkfehler machen darf und davon ausgehen kann, dass meine jetzige Gegenwart durch eine andere Berufswahl besser wäre. Ich frage mich nur, was wäre gewesen, wenn ich nichts geglaubt hätte. Wenn ich einfach entschieden hätte, ohne irgendeinen Blödsinn zu glauben und los gehts. Wenn ich nicht geglaubt hätte zu wissen, was in der Zukunft passiert. 

Aber so ist das nun mal. Wir alle lernen es: Es geht immer um glauben oder nicht glauben. Entweder glaube ich eine bestimmte Aussage oder ich glaube sie nicht. Das heißt, die Entscheidungen, die wir in unserem Leben grundsätzlich fällen, beruhen immer auf: „Glaube ich dieses oder glaube ich jenes, glaube ich dieser Person oder glaube ich jene Theorie“.

Wenn ich sage, ich weiß es, dann müsste ich eigentlich immer die Frage stellen, woher ich das weiß und warum ich das für wahr halte. Egal, um was es geht. 

Mir fällt gerade kein aktuelles Beispiel ein, da ich das, was ich glaube, schon so lange hinterfrage. Aber in meiner Vergangenheit waren Beruf und Berufung riesige Themen. Erst hab ich geglaubt, dass eine Ausbildung eine unsichere Zukunft bedeutet, und dann habe ich geglaubt, ich müsse meine Berufung finden. Dabei habe ich den ersten Blödsinn, den ich geglaubt habe, nicht hinterfragt. Ich habe einfach meine Berufung gesucht, was auch immer das sein soll, weil am Ende ist das auch nur ein Konzept. Und ich habe geglaubt, dass mit der Berufung meine Zukunft dann auf jeden Fall sicher ist. Was auch Blödsinn ist. 

Ich habe so unglaublich viele Theorien und Konzepte ausprobiert, viel hin und her getestet und geprüft und nach permanentem Hinterfragen, bleibt eigentlich nur noch eine Frage übrig: Ergibt glauben überhaupt einen Sinn? Völlig egal was und völlig egal wem. Muss ich überhaupt etwas glauben? Denn wie viel Wahrheit steckt denn in glauben? Sollte es nicht um Wissen und Wahrheit gehen? Und wenn wir etwas nicht wissen können, wie die Prognose einer Zukunft, warum sollte ich dann meine Zeit mit glauben verschwenden? Oder mit raten, weil was anderes ist es doch nicht, oder?

Mich nervt es einfach manchmal, dass wir uns oft über Dinge streiten, wo wir sagen, dass wir das wissen, aber fast immer ist es nur ein Glaube zu wissen. 

Wie lange wollen wir das Spiel noch weiter spielen? 

Es ist nämlich ein Riesenunterschied, ob wir etwas wirklich wissen oder ob wir nur glauben, es zu wissen. 

Die Frage ist auch, ob glauben irgendwas mit der Natur des Menschen zu tun hat und ob Glauben wirklich gebraucht wird für das, was wir natürlicherweise sind. Wir müssen nichts glauben, um zu sein. Wir sind ja schon da. Ich denke, Bewusstsein braucht keinen Glauben. Bewusstsein ist einfach das, was ist. Egal, ob wir etwas glauben. Es ist so oder so da. Und alles, was wir glauben, sind am Ende nur Konzepte.

Ich bin. 

Und das ist im Prinzip das Einzige, was wir mit Sicherheit sagen können. Weil wir das direkt erfahren können.

Und wir machen daraus häufig das:

Ich bin eine Frau.
Ich bin ein Mann.
Ich bin Autorin.
Ich bin Chef.
Ich bin Schwester.
Ich bin Ehemann.
Ich bin Tochter.
Ich bin Enkel.
Ich bin Bürokauffrau.
Ich bin Großstädter.
Ich bin erfolgreich.
Ich bin ein Versager.

Sicher?

Ich mein, du kannst sein, was du willst. Du kannst deine Rolle frei wählen. Auch die Opferrolle, wenn es sein muss. Nur, sobald wir diese Rollen zu ernst nehmen und aus unseren ungeprüften Konzepten einen Konzeptkult machen, und dann vielleicht auch noch leiden, weil wir unsere Konzepte nie in Frage stellen, da lohnt es sich schon mal, das zu hinterfragen. 

Denn eigentlich läuft es so:

Ich glaube, zu wissen, wie eine Frau zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie ein Mann zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie eine Autorin zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie ein Chef zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie eine Schwester zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie ein Ehemann zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie eine Tochter zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie ein Enkel zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie eine Bürokauffrau zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie ein Großstädter zu sein hat.
Ich glaube, zu wissen, wie ich erfolgreich zu sein habe.
Ich glaube, zu wissen, wie ein Versager zu sein hat.

Und fühlt sich das nicht furchtbar anstrengend an, jeden einzelnen Aspekt, jede Schublade, jede Annahme über jede einzelne Rolle aufrecht zu erhalten und zu glauben und zu erfüllen? Ohne zu wissen, ob das, was wir glauben, auch der Wahrheit entspricht?

Ich kann jedenfalls sagen, nach aktuellem Erkenntnisstand, wenn du irgendwas glaubst oder denkst oder für wahr hältst und dich damit schlecht fühlst, dann versuchst du, eine Lüge zu glauben.