Gestörte Wahrnehmung?

Auf der Suche nach Beispielen und Anwendungsmöglichkeiten für diesen Sinn oder Unsinn, den ich hier auf diesem Blog von mir gebe, ist mir etwas Typisches passiert.

Ich liebe ja Verschwörungstheorien, nicht weil ich an sie glaube, sondern weil das einfach beste Unterhaltung für mich ist. Bessere Geschichten gibt es nirgendwo.

Neulich schaue ich wieder so ein Video, diesmal über Aliens. Und der Verfasser fragt am Ende: „Was glaubt ihr würde passieren, wenn sich Aliens zeigen und wir endlich Ufos am Himmel sehen würden?“ 

Spontan kommentierte ich das mit: „Vermutlich würde es gar niemand bemerken, weil alle am Handy hängen.“ 

Ein, zwei Videos später ging es dann um die Social-Media-Sucht der heutigen Zeit. Die Leute würden ihre Umgebung gar nicht mehr erleben und seien gar nicht mehr richtig da. Und der Videoersteller fragte: „Wie erlebt ihr das?“. 

Die Kommentarspalte sah dementsprechend negativ aus. Alle würden nur noch am Handy hängen. Niemand würde mehr echte Dinge erleben. Viele würden vergessen, was real ist.

Hier hab ich allerdings anders kommentiert. Denn eigentlich mache ich nicht die Erfahrung, dass alle Leute nur noch am Handy hängen.

Und was heute das Handy ist, das war früher wohl eher eine Zeitung oder ein Buch, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich bin viel draußen mit den Hunden und erledige viele Wege zu Fuß. Und ich kann nicht behaupten, übermäßig viele Leute zu sehen, die sich einen winzigen Bildschirm vor das Gesicht halten. Trotzdem regt mich jeder Hundehalter auf, der nur auf sein Handy starrt, statt zu schauen, in was sich sein Hund da gerade wälzt.

Jedenfalls hab ich dann an dem Tag mal aufmerksamer hingeschaut. 

Und tatsächlich sind mir mehr Leute ohne Handy begegnet, als mit. 

Wenn ich mich jetzt nur auf die paar wenigen Handysüchtigen konzentriert hätte und das jeden Tag, dann könnte der Eindruck entstehen, dass nur noch Smartphone-Zombies existieren. Dem ist aber nicht so. Es muss sich hier um selektive Wahrnehmung handeln. Also das, worauf ich mich fokussieren will, das sehe ich dann auch öfter. 

Wenn ich zu Hause aus dem Fenster sehe, dann schaue ich auf einen großen Kreisverkehr. Jeden Tag sehe ich unzählige Verstöße gegen geltende Vorfahrtsregeln. Es wird gehupt und geschimpft, gepöbelt. Manchmal bin ich so sehr davon genervt, dass ich am Liebsten eine Petition starten würde, damit alle Radfahrer verpflichtet werden, einen Führerschein zu machen. Ich mein, wie kann es sein, dass Personen am Straßenverkehr teilnehmen, ohne die Verkehrsregeln zu kennen? Aber ich schweife ab. 

Ich schau also aus dem Fenster und denke, eigentlich ein Wunder, dass nicht viel mehr passiert. Gemessen an dem hohen Durchlauf, der hier jeden Tag entlang fährt, läuft alles reibungsloser als erwartet. Und dann wurde mir klar, dass bei mir aber sowas von... die selektive Wahrnehmung aktiv ist. 

Logisch, wenn ich mich nur auf die paar wenigen konzentriere, die wirklich die Regeln nicht kennen und mehr Glück als Verstand haben, dann könnte der Eindruck entstehen, dass alle Radfahrer rücksichtslose Vollidioten sind. Was natürlich nicht stimmt. 

Wenn ich mich ab heute auf die konzentriere, die sich bei den Autofahrern bedanken, wenn sie für sie anhalten, dann sind das mindestens genauso viele, wenn nicht sogar mehr. 

Ja, ich denke, man kann selbst entscheiden, ob man die Welt eher positiv oder eher negativ sehen will. Mein Ziel wäre natürlich gar nichts mehr in positiv oder negativ einzuteilen. Denn das raubt am Ende wirklich nur Energie. 

Und die Vorstellung, dass jeder immer perfekt funktioniert und perfekt reagiert und vor allem wunschgemäß handelt, ist utopisch. Das erste, was mir mein Fahrlehrer damals gesagt hat, war: „Du musst mit den Fehlern von anderen rechnen. Lieber einmal weniger auf die Vorfahrt gepocht, als einen Unfall gehabt.“ Und sind wir mal ehrlich, was nützt dir dein Recht auf deine Vorfahrt, wenn dafür dein Kopf kaputt ist? Aufgeknackt wie eine Melone, die vom Tisch gerollt ist. 

Recht haben wollen ist ein gutes Stichwort. Wer sich mit Verschwörungstheorien beschäftigt, der kommt nicht drum herum sich auch die sogenannten „Alternativen Medien“ mal reinzuziehen. Und ich habe mir wirklich alles angesehen. Jede steile These, unzählige Kanäle. Klassische Medien, neue Medien, spezialisierte Kanäle, alles. 

Eins ist mir dabei immer klarer geworden: Es geht nicht um Wahrheit. Es geht viel öfter um das Recht haben wollen. Natürlich auch um Klickzahlen, Reichweite, Einfluss und Geld. Aber im Kern geht es um das Recht haben wollen. Du hast Unrecht und ich habe Recht. Ich weiß Bescheid und du nicht. Nur ich kenne die Wahrheit und du erzählst Lügen. Da streitet dann die „Lügenpresse“ mit den „Verschwörungsleugnern“. Was auch immer das sein soll. Leute die Verschwörungen leugnen? Aber egal. 

Jeder konzentriert sich im Grunde auf seinen Bereich. Und da haben wir sie wieder, die selektive Wahrnehmung. Was nicht ins Bild passt, wird ausgeblendet. Und das auf beiden Seiten. Deswegen finde ich beide unterhaltsam. 

In meiner Wahrnehmung erzählt nämlich niemand die absolute Wahrheit. 

Normalerweise entscheidet sich der klassische Zuschauer ja irgendwann für eine Seite. Also er selektiert. Oder entscheidet, wem er glaubt. Ich mache es anders. Ich frage mich immer, was ist der kleinste gemeinsame Nenner. Es ist verblüffend, was ich auf diese Weise schon beobachtet habe. Und es ist immer der Gleiche. Aber das ist Stoff für einen anderen Beitrag.

Egal, was dich aufregt, es beruht sehr wahrscheinlich auf selektiver Wahrnehmung. 

Es ist faszinierend, dass wir die Welt im Grunde nie wirklich so sehen, wie sie wirklich ist. Wir sehen nur das, was wir sehen wollen und was wir zu sehen gelernt haben.
Unendlich spannend!
Und über diese gestörte Wahrnehmung streiten wir dann?
Ist das eigentlich unser Ernst?