Hoffnungslos oder Hoffnung los?
Heute bin ich wieder unsicher, was dieses Hoffnung-Ding betrifft. Ich hatte ja im Beitrag über die, nicht ganz ernst gemeinte, „NIPPL-Strategie“ etwas über Hoffnung und Hoffnungslosigkeit geschrieben.
Und ich bin nach wie vor der Meinung, dass sowohl Hoffnung als auch Hoffnungslosigkeit zwei Dinge sind, die in der Zukunft liegen und das Jetzt außer acht lassen.
Nun habe ich neulich ein Video gesehen, wo eine langjährige YouTuberin über ihre hoffnungslose Vergangenheit spricht und über den Moment, wo sie wieder Hoffnung schöpft.
Ist Hoffnung also doch gut und wichtig und ich irre mich hier gewaltig?
Ja, kann sein.
Wie gesagt, ich habe keine fertigen Antworten und werde hier auch nicht so tun, als hätte ich diese. Daher schaue ich heute noch mal ganz genau hin.

Hoffnung kann natürlich ein Pflaster sein oder eine Brücke, um durchzuhalten. Manchmal reicht das, das stelle ich nicht in Frage. Ich stelle in Frage, was es braucht, um überhaupt Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit zu fühlen.
Die Person im Video sagte sinngemäß, dass sie sich wertlos fühlte und keinen Sinn in ihrem Leben gesehen hatte. Sie malte sich aus, dass sie in einem Job versauert, den sie hasst. Sie hatte Angst, nichts im Job zu erreichen, und hat keine Zukunft mehr gesehen. (Willkommen im Club übrigens.) Darüber und über andere Schicksalsschläge wurde sie richtig depressiv. Die Eltern ließen sich scheiden, die Schwester ist gestorben und damit verlor sie die Hoffnung, dass es irgendwann mal wieder besser wird.
Ein Satz blieb mir die letzten Tage dabei besonders im Gedächtnis hängen. Ich zitiere: „Doch es sei gar nicht die Traurigkeit gewesen, die sie seit ihrer Kindheit fertig machte, es war die Abwesenheit von Hoffnung. Die Hoffnung darauf, dass sie irgendwann wieder Freude empfinden kann.“
Diese „Abwesenheit von Hoffnung“. Das ist genau das, was mich über meinen Beitrag zu Hoffnung und Hoffnungslosigkeit stolpern lässt. Nicht nur stolpern.
Diese „Abwesenheit von Hoffnung“ löst gerade einen Kurzschluss in meinem Hirn aus. Denn was sagt das im Prinzip? Es sagt, dass du nichts tun könntest, um Freude zu empfinden. Und das du deswegen glaubst, dass du nie wieder Freude empfinden kannst. Oder?
Das Ding ist aber, dass Freude von Natur aus eingebaut ist. Das heißt, wenn du momentan keine Freude empfindest, dann musst du aktiv etwas tun, um diese Freude zu unterdrücken. Achtung, ich sage nicht, dass das immer bewusst aktiv passiert. Vieles läuft automatisch. Diese Abwesenheit von Hoffnung darauf, irgendwann wieder Freude zu empfinden, ist in meiner Denkwelt irgendwie unlogisch. Diese Aussage grillt mein Hirn so dermaßen, dass ich kaum damit klar komme. Noch ein Grund, mehr genau hinzuschauen.
Sie hatte also keine Hoffnung, jemals wieder Freude zu empfinden. Da aber Freude von Haus aus mitgeliefert wird, macht diese Aussage aus meiner Sicht keinen Sinn. Natürlich muss man wissen, dass Freude eingebaut ist. Und wenn man glaubt, dass es nicht so ist, dann klingt auch diese abwesende Hoffnung irgendwie logisch, was sie aber nicht ist.
Was bedeutet überhaupt Hoffnung?
Du erwartest, dass etwas Gutes passiert, auch wenn du keine Garantie dafür hast, glaubst du fest daran. Und Hoffnungslosigkeit ist dann, dass du nichts Gutes erwartest, weil du keine Garantie hast und auch daran fest glaubst. Und da haben wir es wieder, es geht immer um Glauben.
Einerseits kann ich das sehr gut nachvollziehen, denn ich habe auch diese Hoffnungslosigkeit gespürt. Ich weiß, wie sich das anfühlt, wenn alles sinnlos erscheint. Also dass Hoffnungslosigkeit keiner braucht, da sind wir uns sicher einig.
Allerdings hatte ich immer noch diese innere Ahnung, wie eine innere Stimme oder eine Art Gewissheit, die mir sagte: Hier stimmt was nicht. Da war die „Hoffnung“, dass ich mich irre bzw. dass ich etwas übersehe. Wo wir wieder beim Thema Hoffnung sind. Wobei es weniger eine „Hoffnung“ war, denke ich, denn ich wusste einfach, da ist noch etwas, was ich übersehe. Und ich wollte weiter machen, bis ich diese Gewissheit bestätigt bekomme und die miesen Gefühle weg sind. Heute weiß ich, was meine Intuition oder was auch immer, mir da mitteilen wollte.
Im Prinzip ist es so, wenn du versuchst, dir eine Lüge als wahr zu verkaufen und wenn du versuchst eine Lüge als wahr zu glauben, dann fühlst du das. Du fühlst dich schlecht. Nur verwechseln wir dieses Schlechtfühlen oft mit „Bestätigung“.
Wie hier das Beispiel mit der Sinnlosigkeit. Du sagst: Alles ist sinnlos. Du fühlst dich schlecht. Und denkst dann, dass du dich schlecht fühlst, weil alles sinnlos ist. Dabei ist es eher so, dass du dich schlecht fühlst, weil du glauben willst, dass alles sinnlos ist, obwohl es das nicht ist. Du fühlst dich schlecht, weil du versuchst, eine Lüge zu glauben. Und wegen nichts anderem. Und über all die Jahre hat sich zumindest bei mir immer und immer wieder bestätigt, dass es genau das war und nichts anderes. Hinterher kam immer heraus, dass ich versucht habe, eine Lüge zu glauben und mich genau deswegen schlecht gefühlt habe.
Die YouTuberin in dem Video sagte auch Dinge wie:
„Es gibt echt wenig Sachen, die mich glücklich machen. Alles, was ich kann und alles, was ich mag, ist irgendwie sinnlos und lächerlich. Ich sehe keinen Sinn dahinter weiter zu leben.“
Dazu muss ich aus heutiger Sicht sagen, dass nicht Dinge uns glücklich machen können. Wenn Lebensfreude von Natur aus eingebaut ist, wovon ich einfach mal ausgehe, wovon dieser ganze Blog handelt, dann stören wir diese natürliche Lebensfreude eher. Lebensfreude ist von Natur aus eingebaut. Ich „hoffe“, das klingt jetzt nicht wie ein Glückskeksspruch. Die meisten hinterfragen ja nicht, warum du dich überhaupt schlecht fühlst. Sie gehen wie selbstverständlich davon aus, dass etwas mit dir nicht stimmt, und geben dir dann haufenweise Tipps, wie du dich besser fühlen kannst. Und genau deswegen funktioniert es auch nicht langfristig.
Wie die YouTuberin sagte, fand sie alles, was sie konnte und mochte irgendwie sinnlos und lächerlich. Und dann sah sie keinen Sinn weiter zu leben. Nur wer sagt denn, was sinnlos und sinnvoll ist und wer sagt, was lächerlich ist und was nicht.
Was ist eigentlich das Gegenteil von „lächerlich“?
Eine kurze Internetrecherche sagt: ernst, seriös oder würdig.
Ganz schön gewichtige Sachen. Fühlt sich irgendwie schwer an.
Aus heutiger Sicht muss ich auch erkennen, dass wir viel zu viele Dinge viel zu ernst nehmen.
Dann wäre „lächerlich“ ja etwas, das man nicht ernst nehmen kann. Was doch eigentlich was Gutes wäre.
Irgendwann zerbricht jeder an der Schwere und dem Ernst des Lebens, wenn nicht ab und zu auch etwas Leichtes, Lustiges und Lächerliches dabei ist.
Sie fand dann einen kleinen Grund zum weiter machen. Es gab einen Lichtblick in ihrem Leben, weil sie angefangen hatte, Harry Potter zu lesen. Und sie selbst sagte, das klinge total albern. Sie las das Buch und wollte noch so lange weiter leben, bis das neue Buch raus kommt. Harry Potter habe sie gerettet. Ihr einen Grund gegeben weiter zu machen. Bei der Serie Friends haben das übrigens auch viele gesagt. Diese Serie hätte sie aus ihrer Depression geholt.
Später, als sie alleine auf sich gestellt war, konnte sie zum ersten Mal die sein, die sie ist. Und hat dann ihre Berufung entdeckt und ihren Platz in der Welt gefunden. Sie würde ihrem jüngeren Selbst sagen: „Geh einfach mal raus, aus dem, was dich kaputt macht“.
Heute schenkt sie mit ihren Videos anderen Freude und Hoffnung und vielleicht ist dies das Schönste, was man anderen überhaupt schenken kann, sagt der Videoersteller. Und ja, das klingt toll. Aber wie toll klingt das mit der Hoffnung noch?
Sie hat lange Zeit ihr Leben überhaupt nicht genossen, weil sie unbedingt normal und happy wie alle anderen sein wollte, sagt sie. Aber sie ist nicht wie alle anderen. Ihre Wünsche und Träume und Hürden, die sie überwinden musste, sind ganz anders als die von „normalen“ Leuten, denn sie kann nichts dafür. Das war eine Krankheit, Depression. Und die kann man nicht mit einem Zauberspruch einfach weghexen, sondern sie musste lernen, damit umzugehen, und irgendwann gab es immer mehr Tage, an denen sie es überhaupt nicht merkt und an denen alles okay ist.
Sie wollte also wie die anderen sein. Aber wer bestimmt, was normal ist. Wer bestimmt, was du tun musst? Wer bestimmt, was lächerlich ist und was nicht? Was man darf oder nicht darf? Wer bestimmt, wie man zu sein hat und wie nicht?
Solange es kein Naturgesetz gibt, das mir sagt, was ich tun muss und wie ich zu sein habe, solange ist alles andere optional. Was die Gesellschaft glaubt, wie etwas sein muss, entspricht nicht automatisch der Realität oder der Wahrheit.
Ich fasse noch mal zusammen: Obwohl Freude von Natur aus eingebaut ist, glauben wir, dass wir keine Freude mehr empfinden können.
Die Hoffnung darauf, jemals wieder Freude empfinden zu können, ist also abwesend. Das bedeutet aber, dass wir permanent etwas tun müssen, um diese eingebaute Freude in uns zu unterdrücken. Und das kann niemand dauerhaft. Irgendwann kommt immer der wahre Mensch durch, die wahre Freude. Man muss sie nur zulassen und aufhören sie wegzudrücken. Noch mal der Hinweis, das machen wir nicht bewusst. Es geht nicht um Schuldzuweisungen. Das sind nun mal die Mechanismen, die aus unserer Art zu denken entstehen.
Brauchst du Hoffnung?
Du erwartest, dass etwas Gutes passiert, auch wenn du keine Garantie dafür hast, glaubst du fest daran. Bei Freude brauchst du weder etwas erwarten, noch brauchst du eine Garantie, noch musst du daran glauben. Freude ist ja bereits eingebaut. Nur zuerst musst du glauben, dass es nicht so ist, um dann hoffen zu können oder um dann hoffnungslos zu sein. Wenn du wüsstest, dass sie eingebaut ist, müsstest du gar nichts. Du wüsstest, dass sie bald wieder fühlbar ist. Ich denke, so läuft es immer. Erst glauben wir uns weg von dem, was natürlicherweise da wäre, und dann glauben wir, wir bekommen es nie wieder oder wir glauben, dass wir erst etwas machen müssen und dann glauben wir, dass wir hoffen müssen. Dabei übersehen wir, das wir im Grunde nur aufhören müssen uns „wegzuglauben“.
Das wäre ein anderer Ansatz. Statt zu fragen, was muss ich tun, um wieder Freude zu empfinden, kannst du dich eher fragen, was tue oder denke ich, um gerade keine Freude zu empfinden. Was glaube ich, was halte ich für wahr, obwohl es gar nicht stimmt?
Hier in dem Fall wäre es einmal das normal sein wollen. Oder der Glaube an die sinnfreie Zukunft. Auch was über die Scheidung der Eltern geglaubt wird. Und die Trauer. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schlimm sich Trauer anfühlen kann. Ich weiß aber auch, dass wir sehr viele Dinge über den Tod glauben, die alles schlimmer machen.
Das meine ich mit, keiner hinterfragt die Idee, dass mit dir etwas nicht stimmt. Das Einzige, was nicht stimmt, ist das, was du über dich und über andere und über die Welt glaubst oder glauben willst.
Ich will normal sein - ja was ist denn normal?
Ich werde nie wieder Freude empfinden – sicher, wenn du doch aus Freude bestehst?
Alles, was ich tue, ist lächerlich – gut so. Warum auch nicht. Es gibt genug Leute, die das Leben bierernst nehmen.
Ich sehe keinen Sinn in dem, was ich tue – es muss auch keinen Sinn haben. Wenn es dir Spaß macht, dann ist das Sinn genug, oder nicht? Und wenn es dir keinen Spaß macht, ja dann lass es. Und mach stattdessen etwas, was dir Spaß macht. Es muss nicht ernst, seriös oder würdig sein. Wer bestimmt überhaupt was „würdig“ ist?
Wenn du dich schlecht fühlst, kannst du dich immer fragen: Wo versuche ich, eine Lüge zu glauben? Und versuche ich, diese Lüge mit Hoffnung oder Hoffnungslosigkeit zu überdecken?
